Würselen. Ein Papagei, der Purzelbäume schlägt, lachende Pferde oder gar ein Skateboard fahrendes Hängebauchschwein begegnen einem nicht unbedingt jeden Tag. Doch was dem Unwissenden kurios bis verrückt anmutet, ist für eine Kölner Tiercasting Agentur ganz normaler Berufsalltag. Wer es in die begehrte online- Kartei schaffen will, der braucht weit mehr als ein makelloses Erscheinungsbild. "Wir suchen Tiere mit Charakter", betont Agenturleiterin Vera Scholtz-Niehr. Die gelernte Grafikerin und ihr Team fahnden unermüdlich nach tierischen Talenten für Werbeaufnahmen, Messen und Fernsehproduktionen. An diesem Tag steht das mobile Fotostudio in dem Eingangsbereich eines örtlichen Zoofachhandels. "Heute ist ein Hundecasting mit Talentwettbewerb geplant", erläutert der Model Scout einigen Neugierigen. Kaugerechtes Spielzeug, kleine Leckerbissen sowie ein bequemes Plätzchen zur kurzzeitigen Entspannung sind in den nächsten Stunden wichtige Requisiten. Die ersten Hundehalter trudeln ein und nähern sich den freundlichen Mitarbeitern zunächst noch zaghaft. Übertriebener Ehrgeiz ist in der Branche sowieso unerwünscht und so mancher Traum hat sich bereits nach wenigen Minuten ausgeträumt. "Wir müssen täglich einige Illusionen rauben", bedauert Vera Scholz-Niehr. Dies auch in Bezug auf die Gage, denn im Gegensatz zu Heidi Klum und Kolleginnen verdienen der rassige Terrier oder die niedliche Promenadenmischung längst kein Vermögen. Außerdem ist beileibe nicht jeder Hund auf Anhieb kameratauglich. Der ein oder andere Vierbeiner verweigert an diesem Nachmittag gar das Posieren in dem gemütlichen Körbchen. Die erfahrenen Tiercaster sehen auf Anhieb, ob sich das Laienmodel in der ungewohnten Umgebung wohl fühlt oder von seinem Herrchen ins rechte Licht gezerrt wird. Ist dies der Fall, so wird das Shooting kurzerhand beendet. "Wer im Umgang mit seinem Hund Gewalt anwenden muss, hat schon verloren", meint auch Michael Schwarz. Gemeinsam mit seiner Frau und Retrieverdame Zoe schaut sich der gelernte Hundepsychologe das Spektakel aus nächster Nähe an. Generell steht der Verhaltenstherapeut derartigen Events eher mit gemischten Gefühlen gegenüber. "Die Tiere müssen mit Spaß bei der Sache sein, sonst macht es keinen Sinn". Was übertriebener Eifer anrichten kann, erlebt der erfahrene Hundetrainer fast täglich. Doch ob es nun der Angsthase oder eher ein Angstbeißer ist, der Hilfe braucht: In jedem Fall sind einige Sitzungen nötig, bis die Beziehung zwischen Hund und Mensch wieder gestärkt und ein neues Vertrauen überhaupt möglich ist. Bei "Captain" und Herrchen Alice Treusacher ist gegenseitige Verlässlichkeit indes kein Thema. Das eingespielte Duo tritt zuversichtlich zum Talentwettbewerb an, während die Konkurrenz bereits im Vorfeld resigniert. Der Australian Shepherd ist einfach unschlagbar, hilft seiner Trainerin auf Befehl beim Öffnen der Jacke, läutet an einer Glocke und lässt sich sogar Huckepack nehmen. Da haben die niedliche Terry und ihr Kollege Tom natürlich keine Aussicht auf den begehrten Pokal, auch wenn alle Mitwirkenden dem Castingteam bereits nach kurzer Zeit ans Herz gewachsen sind. Terry hat sowieso anderes im Sinn als eine steile Karriere in der Modelbranche. Demnächst wird sich der Langhaar Chihuahua erst einmal ausgiebig den Mutterfreuden widmen.

Veröffentlicht 04/2006 in den Aachener Nachrichten (Nordkreis)